„Das Recht auf ein gescheitertes Leben ist unantastbar.“ — Amélie Poulain
… Kaffee oder Tee?
Nach dem Regenschauer, der bei uns in der vergangenen Nacht einen späten Sommer beendet hat, ist mir heute nach Gemütlichkeit. Es fällt mir schwer, den Sommer gehen zu lassen; nicht mehr lange, und ich muss die Hüte, Sonnenbrillen und Sandalen in den Keller schleppen, um bepackt mit Mützen, Mänteln, Handschuhen und Schals alle Treppen wieder nach oben zu keuchen. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit es bald brauchen wird, bevor die ganze Familie das Haus verlassen kann, ohne sich zu erkälten, vergeht mir schon die Lust. Andererseits ist es verführerisch, mir vorzustellen, nachts mit weit geöffneter Balkontür zu schlafen, ohne am Morgen gemeine Mückenstiche von der Nasenspitze bis zum kleinen Zeh versorgen zu müssen. Gegen Windpocken sind meine Kinder geimpft. Gegen diese Plagegeister leider nicht. Mit dem Beistand meiner Familie habe ich es inzwischen zwar geschafft, verirrte Spinnen in unserer Wohnung zu tolerieren, aber auch die sind bei der Jagd nach stechenden Biestern nicht hinterhergekommen.
Was ich sagen wollte: Das Ende des Sommers ist unvermeidlich, also rede ich es mir schön. Ich sehne die Vorzüge des kommenden Herbstes herbei, damit ich mich freuen kann, wenn es so weit ist. Und seine Annehmlichkeiten bestehen für mich auch darin, dass zu Hause zu sitzen und mit einer warmen Tasse in der Hand das Draußen draußen zu lassen, in kühlen Jahreszeiten okay-er wird. Das genieße ich. Rückzug dorthin, wo ich mich heimisch und geborgen fühle.
Heimat ist eines meiner liebsten Wörter. Nicht nur, weil es mich an meine Wurzeln erinnert; an Eltern, bei denen ich immer ich sein durfte und die für mich da waren. Heimat bedeutet für mich auch … ankommen, wo mir alles vertraut ist; frei von der Angst zu sein, nicht ins Bild zu passen, denn das Bild ist von mir. Mich und meine hundert Masken fallen zu lassen und mein eigenes Gesicht zu tragen. Egal, wie ich aussehe oder gestimmt bin. Trotzdem geliebt zu werden.
Als ich jung war und gefragt wurde, „Was willst du später mal machen?“, kam mir nie ein Haufen Geld in den Sinn. Um normal (= gesellschaftsfähig) zu wirken, antwortete ich zwar beflissen, dass ich Tierärztin werden wollte, aber in mir spürte ich nichts klar und deutlich, außer das Gefühl, dass ich Heimat schaffen will — mir und anderen. Und das hatte nichts damit zu tun, Hausfrau zu werden. Ich habe mich nie als „Tradwife“ gesehen. Auf meinen eigenen Beinen zu stehen, ist mir wichtig. Aber wenn ich ein Ziel im Leben hatte, wenn es etwas gab, das ich mir wirklich wünschte, dann wollte ich mich jeden Tag zu Hause fühlen. In meiner Haut. In meinem Alltag, in meinen Handlungen. In meiner Welt. Und ich spürte das Bedürfnis, dass sich Menschen, die sich andernorts fremd, verurteilt oder ungesehen vorkamen, bei mir einen Ort fanden, an dem das nicht so war. Heimat ist keineswegs nur Herkunft. Nicht nur das, was wir mitbringen. Heimat bedeutet für mich auch ein Ort, an dem wir als der Mensch, zu dem wir unterwegs sind, offene Arme finden; nicht allein wegen der Tatsachen, die wir in unserer Vergangenheit geschaffen haben, sondern auch für das, was in uns steckt, aber für das die Zeit noch nicht da war.
Warum erzähle ich das alles?
Weil ich in den vergangenen Jahren vergessen habe, warum ich mich nach der Schule entschied, Philosophie zu studieren. Seit mir beruflich der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, habe ich mich gehasst für diese Entscheidung. Fand sie Irrsinn. Und jetzt will ich aufräumen mit diesem Selbsthass. Ich will, dass die Erzählung meines Lebens wieder Sinn ergibt.
Hätte ich damals nicht um meine psychische Gesundheit gekämpft, wer weiß, was aus mir geworden wäre. Oft habe ich in letzter Zeit darüber nachgedacht, habe meine Entscheidungen verflucht, als hätte ich sie leichtfertig getroffen oder ohne Not. Als wären sie einfach nur dumm gewesen. Aber damit tue ich mir unrecht. Und es wird Zeit, dass ich mir das sage.
Unter den gegebenen Umständen war die Philosophie für mich ein Weg, Heimat zu finden — mir die Welt um mich herum, die Gesellschaft, in der ich lebe, heimisch zu machen, indem ich sie besser verstehe und nicht einfach hinnehme wie einen Berg, den ich nicht versetzen kann. Wenn ich mir unser Leben wie einen Wettlauf vorstellte, sah ich eine Horde Menschen rennen und rennen und rennen, hörte sie wild durcheinanderrufen, während ich mir mit meinen Händen fest die Ohren zuhielt, mich fieberhaft um mich selbst drehte und hektisch versuchte herauszufinden, von wo es eigentlich losging und wo das Ziel denn war. Was hatte ich verpasst, wovon alle schon wussten?
Als ich erkannte, dass meine Füße mich nicht weit trugen, öffnete die Philosophie ihre schwere Tür. Auf der Fußmatte stand START. Ich trat zögerlich hindurch und allmählich beruhigte sich mein Atem. Ich durfte einkehren, und ich blieb.

Wir leben, wie wir denken.
Welche Bedeutung die Philosophie für Menschen heute hat, wurde mir immer gespiegelt, wenn ich erzählte, was ich tue.
… Und was bringt dir das?
„Philosophie“ steht für abstrakte Fragen, über deren Antworten sich nicht mal Professoren einig werden. Philosophie, das sind Texte, die so unverständlich sind, dass selbst Menschen, die von sich behaupten, gerne zu lesen, sie aus der Hand legen. Philosophieren ist die Beschäftigung einer selbst ernannten Elite, die unserer Welt nicht verbunden ist oder sein will; für Menschen, die sich mit Fachjargon ihre „Realität“ selbst erschaffen, weil sie mit der Wirklichkeit nicht zurechtkommen. Philosophie nimmt sich wichtig, doch ist sie viel Lärm um nichts.
Eine Kollegin von David erzählte mir, wie sehr sie ihren Ethik-Unterricht hasste. Ich fragte sie, warum. Es stellte sich heraus, wie ihr Lehrer versucht hatte, seine Schüler für diese Disziplin der Philosophie zu gewinnen: mit Kant. Prompt wunderte mich nichts mehr. Was dachte er sich? Kant ist das Paradebeispiel für alle Missverständnisse dessen, was Philosophie ist. ALLE, die zum ersten Mal in einer Schrift von Kant blättern, verlieren den Glauben an ihren Intellekt. Kants Bedeutung ist unermesslich, seine Ideen sind noch heute nicht wegzudenken. Aber wer Kinder mit Kant für Philosophie begeistern will, füttert einen zahnlosen Säugling mit STORCK-Riesen an.
Der Lehrer schuldet der Philosophie — der „Liebe zur Weisheit“ — eine Entschuldigung.
Und ich dachte, das muss doch besser gehen.
Wer gerne knobelt und nachfragt, hat genug von dem, was es für die Philosophie braucht. Philosophen sind sozusagen die Kripo für alles, was wir für wahr halten, nur weil wir es immer und immer wieder gehört haben. Als unerbittliche Prüfer der Überzeugungen, auf deren Fundament wir unsere Gesellschaft bauen wie Häuser, machen sie sich über Dinge Gedanken, über die sich sonst niemand Gedanken macht, weil sie als gegeben hingenommen werden. Sie stellen Fragen, auf die sie noch keine Antworten haben oder mit deren Antworten sie unzufrieden sind. Und sie fangen damit an, indem sie nach dem fragen, was sie nicht wissen. Das sollte keine Schüler entwaffnen; kein Grab für ihr Zutrauen, sondern eine Schatzgrube sein — ein Spielplatz, auf dem Überlegungen schaukeln und keine Frage ausgegrenzt wird, nur weil sie neu ist. Kinder sind ohnehin freier als Erwachsene, wenn es darum geht, Philosophie anzuwenden. Weil die Dinge für sie noch nicht selbstverständlich sind. Sie betrachten die Welt mit anderen Augen und schrecken vor Fragen, die Alltägliches kompliziert und unbequem machen, nicht zurück.
Entgegen der allgemeinen Auffassung, sie sei wirklichkeitsfremd, geht es der Philosophie um die grundlegenden Fragen des Lebens, an denen niemand vorbeikommt, der nicht mit Scheuklappen durch das Leben prescht. Was sie vom Stammtischgespräch unterscheidet und zur akademischen Disziplin macht, ist die Art und Weise, wie sie sich exakt ausdrückt; dass sie Begriffe erst definiert, bevor sie sie benutzt, und auf vernünftige, logische Argumente besteht. Mit sprachlichen Unklarheiten kann sie nicht arbeiten. Und ja, sich genau auszudrücken, kann anstrengend sein — wenn man, bevor man „am Abend“ sagt, sich erst bewusst sein muss, wann der Abend beginnt.
Ein Klassiker ist auch:
„Wenn im Wald ein Baum umfällt, aber niemand ist da, der es hört — macht der Baum dann ein Geräusch?“
„Ja, klar. In Physik haben wir gelernt, dass ein Baum, der umfällt, Schallwellen erzeugt. Völlig egal, ob jemand da ist und sie hört.“
„Da hast du gut aufgepasst. Aber ein Geräusch ist mehr als nur Schallwellen -– es ist eine subjektive Erfahrung; ein Hörerlebnis. Es setzt voraus, dass diese Wellen in dein Ohr gelangen und von deinem Gehirn verarbeitet werden, das dann für dein Bewusstsein einen Laut erzeugt. Das Konzept des Geräuschs ist also an eine Wahrnehmung gebunden. Darum antwortet die Philosophie, dass zwar Schallwellen, aber keine Geräusche entstehen, wenn der Baum umfällt.“

Die Menschen haben sich schon immer Fragen über die Welt, den Sinn des Lebens oder das, was wirklich gut ist, gestellt. Bevor und noch lange nachdem die Philosophie etwa im 6. Jahrhundert v. Chr. mit Denkern wie Thales von Milet im antiken Griechenland ihren Anfang nahm, fanden die Menschen in Geschichten über Gottheiten und Helden ihre Antworten. In christlichen Lehren. Doch im 14. Jahrhundert änderte die Renaissance beinahe alles. Als die Städte größer wurden und der Ausbau des Handels begann, begegneten sich Menschen, die sich zuvor niemals begegnet wären. Durch die Entdeckung der Seewege nach Asien lernten Europäer östliche Denkweisen kennen, die ihnen bislang völlig fremd gewesen waren. Gesellschaften wurden komplexer, und die Menschen mussten ihre Vorstellungen anpassen. Dank Gutenbergs Druckpresse fanden neue Ideen schneller Verbreitung; Schriften aus China und Indien wurden in europäische Sprachen übersetzt und bereicherten das westliche Denken.
Und ja, es war schließlich der schwer verdauliche Immanuel Kant (*1724), der im Zeitalter der Aufklärung mit vier Fragen, die er als grundlegend für die Philosophie und das menschliche Leben erachtete, die wesentlichen Disziplinen der Philosophie beschrieb:
Was kann ich wissen? — Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit der Natur und den Grenzen des menschlichen Wissens.
Was soll ich tun? — Hier geht es um Ethik und die Fragen, wie wir moralisch richtig handeln und gut leben können.
Was darf ich hoffen? — Diese Frage bezieht sich auf die Metaphysik („das, was nach der Physik kommt“) und Religionsphilosophie. Was dürfen wir in Bezug auf das Jenseits, Gott oder das höchste Gut hoffen? Diese Frage verbindet sich mit der Frage nach einem möglichen höheren Sinn des Lebens.
Was ist der Mensch? — Diese Frage umfasst die Anthropologie und die Philosophie des Geistes. Was macht den Menschen als vernunftbegabtes Wesen aus? Wie unterscheidet er sich von anderen Lebewesen, und was bedeutet menschliche Freiheit?
Nein, das Problem der Philosophie in unserer Gegenwart sehe ich nicht darin, dass sie zu abstrakt ist. Eher darin, dass niemand mehr Zeit für sie hat — was wiederum ein Thema für die Philosophie ist, das viel zu kurz kommt.
Ich will mir die Zeit hier ab und zu nehmen. Weil die Philosophie mir schon einmal den Weg gewiesen hat, als ich Heimat gesucht habe. Besucht mich! Auch wenn ich dort anders schreiben werde als hier. Mein Herz ist dasselbe.
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