Zu Hause

„There will come a day when I won’t think, miss or wonder about you anymore,
but I guess
today won’t be it.“

Als ich Kind war, besaß ich die Vorstellung, dass alles, was jemand je vergessen hat — Gedanken, Ideen, ein Versprechen —, dass all das nie verloren ging, sondern in einem Haus zusammenkam, um weiter zu existieren; sich nicht aufzugeben. Um da zu sein, wenn man gebraucht würde. Damit der Mensch, der etwas vergessen hatte, es abholen konnte, sobald es sich, weil kostbar, zurück in sein Gedächtnis rief; und damit jener, für den es einmal gedacht worden war, auf der Straße vor dem Haus entlangschlendern und durch eines der Fenster schauen konnte, ob er etwas fand, das ihn suchte.
Jeder im Haus wusste, dass draußen der stand, der trauerte; denn er fühlte nicht nur, dass etwas fehlte. Er kannte auch den Umriss und gab ihm seinen Wert. Drinnen hingegen, auf der anderen Seite der Fenster, wuchs mit jedem Suchenden, den man entdeckte, die Sehnsucht, das Fundstück dieses Menschen zu sein; bedeutete das schließlich, dass man von Belang gewesen war — vermisst wurde.

Diese Vorstellung spendete mir Trost. Nicht nur gab sie mir Hoffnung, dass sich alles, was ich je vergessen hatte, in behütender Gesellschaft befand und dass ich, sobald ich mich entsann, es dort abholen konnte. Ich wusste auch, dass bis zu diesem Zeitpunkt des Erinnerns meine Freunde nur den Weg zu jenem Haus auf sich nehmen mussten, um mit einem Blick durch das Glas zu erkennen, wie ich wirklich zu ihnen stand und welche Absichten dem Anschein widersprachen.

Als wäre es erst gestern gewesen, sehe ich mich noch, wie ich als Mädchen nach dem Röntgen mit vielen Menschen in einem Wartezimmer saß und meine Mutter mich, anders als gesagt, dort nicht empfing. Hatte sie die Zeit vergessen? Es war, glaube ich, die erste Erfahrung, die ich auf dieser Seite des Fensters machte — als Gedanke, der entfallen ist. In diese Vorstellung versunken, dachte ich jedem, der in meiner Gesellschaft wartete, seine eigene Geschichte zu.

Auf dem Platz neben mir saß ein Glückwunsch. Seine Hand war bandagiert; sein Besitzer musste mit dem Fahrrad gestürzt und nun ohne Gedächtnis sein. Die Tochter des Nachbarn hatte vor dem Haus gespielt und sich um den Wunsch gekümmert, der auf der Straße liegen geblieben war, hatte ihn aufgelesen und zum Doktor gebracht. Ich war mir sicher, er würde bald abgeholt, und lächelte ihm zu, damit er die Angst bekämpfte, so wie ich es konnte, weil ich wusste, was mit uns geschah.
Mir gegenüber schimpfte eine Frau; sie hatte keine Geduld. Als ich dazu das purpurne Rot sah, das sie trug, ahnte ich, dass sie eine Wut war. Sie schien tatsächlich schon lange zu warten, was mir Anlass gab, zu hoffen, dass jemand sie endgültig vergaß und eine Familie nicht mehr stritt. Es war so schön, gar nicht daran zu denken, mit seinen Geschwistern zu streiten; an und für sich hatte man sie ja ohnehin gern. Mein Bruder konnte sie hier allerdings nicht zurückgelassen haben, so viel schien mir klar; konnte er sich doch immer ganz schnell wieder entsinnen, dass er mich eigentlich nicht leiden wollte, schon allein aus Prinzip. Seinem Vergessen entsprachen eher die Notfallpatienten, die man rasch hineinbrachte und ebenso schnell wieder hinaus. Immerhin ein glücklicher Moment, dachte ich dann.

Damals fand ich in allem einen Sinn. Die Welt bot sich mir auf eine Weise an, die mir keine Antwort schuldig blieb. Verlangte ich danach, flüsterte sie mir eine ins Ohr — sorgsam, in Watte verpackt. Die Wirklichkeit ließ ich erst dann zu, wenn meine Seele ihren Grund verstand. Doch mit der Zeit und nach vielen Begegnungen musste ich begreifen, dass der einzige Weg, meine Seele zu schützen, war, meine Welt für mich zu behalten; so behutsam mit ihr umzugehen, als wäre sie der Flügel eines Schmetterlings, den Berührung verletzt. Keiner wollte sie verstehen; bis sie irgendwann verstummte, die Stimme meiner Kindheit. Doch tat sie das wirklich? War sie verstummt? Vielleicht hatte sie nur die Spur eines Mädchens verloren, das getragen werden musste, um folgen zu können.

fantasie

Jetzt bist du erwachsen, sagte man mir; auf der Zielgeraden reichte man mir Wasser und Brot.
Willkommen im Leben! Sieh, was du davon hast.

Was ich wirklich sah, war, was man „Erwachsene“ nannte, die ihren kerngesunden Idealen in einer Streichholzschachtel ein Krankenbett aus Seide bereitet hatten. Das Schlimmste sei überstanden, sagten sie, als sie, mir über die Schulter, auf die meinigen blickten.


Als ich nicht mehr erkannte, was vor mir lag, zu sehr gewohnt, meinen Weg über sein Ziel zu vergessen, nahmst du meine Hand, die eben noch fest, nicht fest entschlossen die Balustrade hinter meinem Rücken umgriffen hatte, und führtest sie zu dir. Ich wusste nicht, woher du kamst. Aber alles, was mir Angst gemacht hatte, wenn ich nachts aufwachte, war nicht da, solange ich dich bei mir wusste. Du hattest das an dir, was mich zum Lachen brachte über diesen Weltlauf, dieses Leben, das ich ertragen konnte, weil du mir versprochen hast, dass wir uns mit den Anderen nur den Raum teilten wie der Glückwunsch mit der Wut — so lange, bis sich der Schöpfer einer schöneren Geschichte unserer entsann. Denn auch ein Käfig, der uns beschützen soll, wird morgen noch ein Käfig sein. Es sei denn, man entsorgt die Freiheit, die den Käfig umgibt, und macht den Käfig zu der einzigen Welt, die wir sehen. Durch die Gitterstäbe vor unseren Fenstern redeten wir mit Bechern in der Hand, die eine Schnur verband; den Ausdruck von Vögeln, die ihre Illusion verloren, am Himmel niemals stolpern zu müssen, erkannten wir im Schlosspark an den Kindern wieder, nachdem sie, des Gewichtes überdrüssig, ihre Streichholzschachteln in den Fluss geworfen hatten.
Wie weit du werfen kannst!, staunte man.
Warte, bis du erst groß bist.

Ich tastete, ob du noch ruhtest, an meiner Brust.
Dein Atem war gleichmäßig, in deiner Schachtel.


Als ich dich verlor, verlor — mein Herz;
verlor meine Seele, wen allein du kanntest,
nicht einmal ich
— mich.

Ein Instrument, das nicht gespielt wird, kann sich als Briefbeschwerer eignen; es kann als malerisches Motiv dienen oder als Allegorie. Wenn jedoch niemand liebevoll einen Finger auf seine Tasten legt oder eine Saite berührt, verblasst seine Bestimmung; Musik bleibt eine Chance, die niemand ergreift. Sein Klang ist nichts als eine ferne Erinnerung an ein Konzert, das du besucht hast, als ich jung war.

Meine Finger streiften über das Gras, das über uns wuchs. Ich hatte mich in unserer Zweisamkeit geborgen gefühlt wie ein Kapitän auf stürmischer See, der nur dort Heimat findet, wo sich zu entziehen unmöglich ist. Für dich war sie ein Tablett voller zerbrechlichem Glas. Deine Hände zitterten unter der Schwere, die Bedeutung verlieh — wenn du jeden deiner Schritte nicht nur in Sorge um dich tatest; weil du mich an dir spürtest, weil wir ein Kreislauf waren, unser beider Blut dein Einsatz.

Sturm

Ein gebrochenes Herz, sagtest du, konnte brechen, weil es in Fesseln gelegt war und nicht landen konnte, wie es eine Katze kann, egal wie unerwartet der Stoß, den man ihr versetzt. Meine Ahnung begann Gewissheit zu werden, als du, in Gedanken verloren, mit meinem Haar gespielt hast; gefangen gehalten in einem Raum zwischen dem, was die unbändige Freiheit in dir verlangte und dem, was deine Arme hielten. Es entrang sich mir immer ein Lächeln, wenn deine Zärtlichkeit deiner Furcht widersprach, dass es dir nie gelingen könnte, zu lieben. Und ich sah dich mehr in Ketten als mich, weil du alles, was dir ans Herz wuchs, von dort fort aufs Spiel gesetzt hast. Ein Spiel, bei dem niemand gewann. Mein Herz rebellierte; mein Atem vergaß seine Routine. Ich zog dich hinaus in die Nacht, wollte, dass uns eine Dunkelheit umgab, die unsere hell erscheinen ließ. Ich küsste dich und ließ das Schweigen geschehen und ich hoffte; und bereute, dass ich nie so ehrlich war wie in diesem Moment, als ich wusste, dass du gehst.

Du hattest dich entschieden. Für die Freiheit, alles hinter dir zu lassen, wann immer du willst. Und du gingst. Der Freiheit wegen. Nicht, weil du es wolltest.


Vor einer Wand voller Fotografien, die man täglich ansieht, hält man irgendwann inne, so stumm wie die Portraits. Man nimmt ein Bild in die Hand, schüttelt es, als wollte man es vor einer Ohnmacht bewahren — bis man erkennt, dass es zu oft unwiderstehlich gewesen war; dass man es zu oft provoziert hatte mit dem Verlangen nach Erinnerung, die unseren Körper durchfluten sollte mit Wärme, um uns für wenige Sekunden davonzutragen in eine perfekte Illusion. Nach all den Jahren hatte sich meine Erinnerung an dich zurückgezogen wie eine Tänzerin von ihrem Trapez; nur ohne Applaus. Ich hatte dich, hatte uns, hatte mich überwunden wie sie den Abgrund.

Aber wie soll ich mich finden, wenn ich mich nicht verloren glaube?

Ich brauchte jenes Leben, das damals, mit dir, schmerzte; als aber jede Grenze, an der wir uns stießen, noch zu uns selbst gehörte.
Seit es nicht mehr wehtut, frage ich mich, wer ich bin.
Alle Narben sind verblasst. Und wenn die Stille mir zu laut wird, wenn es zwischen meinen tauben Ohren kracht, ruht mein Kopf auf makellosen Körpern.

Ich vermisse deine Schrammen.

heart_infj


Als ich ein Kind war, hatte ich Fantasie. Damals habe ich versucht, den Dingen eine Kontur zu geben; sie auszusprechen, um sie durch mein Begreifen zu entwaffnen. Heute muss ich lächeln, welche Weisheit Kinder in sich tragen, die im Erwachsenenalter dem Glauben weichen muss, dass der Mensch erst dann dem Mythos einer klugen Lebensform gerecht wird, wenn er nichts mehr seiner Vorstellungskraft überlässt.

Es ist diese Kraft — sieh, wie unklug ich immer noch bin —, die bei mir ist, wenn ich, dann und wann, durch Herbstlaub oder tauenden Schnee, an dem Haus vorbeischlendere, in welchem lange Vergessenes die Zeit, die mich von dir trennt, zu ihrem König machte.

Du kannst mit Steinen werfen. Du sitzt in keinem Haus aus Glas. Denn du wirst bei mir sein, solange ich nicht nur ein Leben lebe.

Durch ein Fenster schauen meine Augen übrigens nie. Ich will mich dahinter nicht finden. Ich will, dass mein Blick eines Tages zur Treppe schweift, auf der du sitzt und auf mich wartest.

 

liebe

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