Kopfgeburt

„All that you’ve loved
is all you own.“

— Tom Waits

Es ist jetzt offiziell Frühling. Unsere Garderobe zu Hause bemerkt das zwar nicht — sie biegt sich immer noch unter dem Gewicht dicker Winterjacken, Schals und Bommelmützen —, aber die Krokusse sprießen trotzig in unserem Garten aus der Erde. Endlich in die Freiheit wollen auch viele Babybäuche, über die sich noch Mäntel spannen, die mit einiger Anstrengung zugeknöpft wurden.

Wenn ich schwangere Frauen sehe, versetzt es mir, nach all den Jahren, immer noch einen Stich ins Herz. In mir klafft eine Wunde, die nur ganz, ganz langsam heilt. Meine Tochter kam gesund auf die Welt, meine Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen; aber jede Schwangere erinnert mich daran, dass ich damals allein war. Als ich trotz Verhütung schwanger wurde, hieß es, es sei zu früh für uns; für ein Kind. Kinder muss man sich erst verdienen. Und wir studierten beide.

David glaubte diesen Stimmen.

Ich gucke aus dem Fenster und betrachte die Blumen, die sich ans Tageslicht kämpfen. Sind Krokusse denn schon Krokusse, wenn die Sonnenstrahlen sie noch nicht berühren? Wenn sie noch im Entstehen sind? Ich finde, ja. Und wer eine Frau als werdende Mutter bezeichnet, kann nur nicht verstehen, dass sie schwanger schon anders die Straße überquert, als sie es vorher tat: nämlich zu zweit — als Team, wenn man es so will. Messi nennt man ja auch nicht erst Fußballer, wenn er Tore schießt. Genauso wenig wird eine Frau erst zur Mutter, wenn sie ein freudiges Ergebnis ins Anzeigenblatt gepresst hat. Die Sorge um ein ungeborenes Baby ist zu eindringlich, um sie um Monate verschieben zu können, und eine stete Erinnerung daran, dass es nunmehr etwas zu verlieren gibt, das zu einem Teil von uns geworden ist, den wir brauchen. Bis beim Ultraschall der Herzschlag des Babys auf dem Monitor pocht, schlägt jeder Moment auf unser eigenes, wartendes Herz ein, bis es wehtut. Darum sage ich auch, dass man nur eine Mutter zu einer Abtreibung drängen kann und keine Frau, die noch wird.

Dass mir das widerfahren ist, hat mich nicht nur fast kaputt gemacht, sondern radikal in meinen Ansichten über gesellschaftliche Imperative, die kaum ein Mensch reflektiert.

Hierzulande sind Babys, besonders unter Akademikern, ja seltener, als unsere Politiker es wünschen. Und dafür, dass es nicht genug sind, sorgen — na, wer hat es erraten? — dieselben, die es beklagen. Wir haben uns angewöhnt, an nichts mehr zu glauben, außer an Arbeit — unsere moderne Religion. Ein Heilsbringer, der uns ein Gütesiegel verpasst und uns auf ein besseres Leben hoffen lässt. Wir beten nicht, wir hetzen. Um Bedürfnisse zu stillen, die wir nicht hinterfragen. Bis wir hadern, weil wir im Grunde keine Zeit haben und auch zu erschöpft sind, das Geld, das wir verdienen, in etwas, das uns nachhaltig glücklich macht, zu investieren. Zum Beispiel in mehr stressfreie Familienzeit. Wir werden so lange ausgebildet, dass es auch alle Anstrengung vergebens machen würde, würden wir so qualifiziert mit einem kleinen Kind zu Hause sitzen. Und wenn wir doch Kinder erziehen, plagt uns das schlechte Gewissen, einen Arbeitsplatz aufgegeben zu haben, der eine Chance versprach, die nie, nie wiederkehrt: die Chance auf Anerkennung.

Ob und wann es Zeit für Nachwuchs ist, wurde zu einer der schwersten Entscheidungen in einer „normalen“ deutschen Biografie. Kinder werden bei uns mit Opfern verbunden — Verlust von Flexibilität, Lebensstandard, Aufstiegschancen. Aber geht es auch anders? Ja. In Island zum Beispiel, wo ich eine ganz Weile gearbeitet habe, bringen junge Erwachsene oft noch vor der Karriere ihre Wunschkinder auf die Welt, um dann geleitet von der eigenen Erfahrung, was es bedeutet, Eltern zu sein, einem Beruf nachzugehen, der mit ihrem Familienleben vereinbar ist. Hier muss sich der Job die Fragen gefallen lassen, ob er zur Familie passt und zu wie vielen Opfern er neben dem, was er einbringt, führen wird. Was wir in Deutschland hoffen — dass das Leben, in dem wir uns oft mit zwei Einkommen eingerichtet haben, sich auch mit Kind ohne Abstriche fortführen lässt –, wird in Island einfach von der anderen Seite aus betrachtet.

Und es funktioniert. Entspanntere Eltern-Kind-Beziehungen habe ich nirgendwo gesehen. Ausgeglichenere Mütter und Väter. Weil sie von der heimischen Politik und der Gesellschaft, in der sie leben, in ihrer Identität als Eltern unterstützt werden, und zwar nicht erst dann, wenn es darum geht, Kinderarmut zu verhindern. Weil die isländische Gesellschaft ihren Kindern einen Wert beimisst, der über den einer rein privaten Glückssache, für die jeder allein zuständig ist, hinausgeht. Und das führt in Island nicht dazu, dass weniger Eltern arbeiten. Auch isländische Familien müssen ernährt werden. Aber sie fühlen sich weniger zerrissen dabei. Weil sie, auch wenn sie Zeit mit ihren Kindern verbringen, nicht als untätig erachtet werden.

Verkörpert eine Gesellschaft die Haltung, dass wirtschaftliches Wachstum das oberste bürgerliche Gebot ist, während eine Familie reines Privatvergnügen bleibt, bleibt es vielen jungen Menschen zu riskant, ein von Armut bedrohter Ballast für die wahren Leistungsträger unter uns zu werden.

So manche Paare in meinem Bekanntenkreis warten auf den einen, perfekten Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen, und bedauern heimlich, dass die Verhütung ihrer Wahl zuverlässig ist. Wir haben heute im Grunde so viel Entscheidungsfreiheit wie nie und wünschten dann und wann, wir hätten sie nicht. Manchmal denke ich, der Mensch bricht unter dem Gewicht der Freiheiten, die er heutzutage hat, bald zusammen; unter dem Gewicht der Verantwortung, sich stets richtig entscheiden zu müssen. Aber unter Freiheit zu leiden, ist eine absurde Vorstellung. Wir leiden unter der Furcht, soziale Anerkennung zu verlieren, wenn wir unser Leben nach dem ausrichten, was uns wirklich erfüllt. Und nicht zuletzt unter der Sorge, uns nicht alles leisten zu können, was man mit Geld kaufen kann. Dabei ist das, was Kinder am nötigsten haben, Eltern, die sie sehen. Die Zeit mit ihnen verbringen, mit allen ihren Sinnen, die ihre Erfahrungen begleiten, ohne auf die Uhr zu schauen. Es ist irre, wie wenig Kinder brauchen, um glücklich zu sein. Bis wir es ihnen aberziehen.

Wenn es einen Sinn des Lebens gibt, dann ist er, herauszufinden, wer wir sind, was wir lieben und wo wir stehen wollen, wenn uns keiner den Ellenbogen in den Rücken rammt. Es ist nur wichtig, echte Freiheiten auch zu ergreifen — und keinen Ideologien zu folgen, die nur als Freiheiten getarnt sind.

„Learn to be what you are,
and learn to resign with a good grace
all that you are not.“

— Henri Frederic Amiel

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