Kopfgeburt

„All that you’ve loved
is all you own.“

— Tom Waits

Ihr Lieben. Es ist jetzt offiziell Frühling. Unsere Garderobe bemerkt das zwar nicht — sie biegt sich immer noch unter dem Gewicht dicker Winterjacken, Schals und Bommelmützen —, aber die Krokusse sprießen trotzig vor unserem Haus aus der Gartenerde. Endlich in die Freiheit wollen auch viele Babybäuche, über die sich noch Mäntel spannen, die mit einiger Anstrengung zugeknöpft wurden. Wenn ich schwangere Frauen sehe, versetzt es mir, nach all den Jahren, immer noch einen Stich ins Herz. In mir klafft eine Wunde, die nur ganz, ganz langsam heilt. Meine Tochter kam gesund auf die Welt, meine Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen; aber jede Schwangere erinnert mich daran, dass ich damals allein war. Es hieß, es sei zu früh für uns; für ein Kind. Kinder muss man sich erst verdienen! Und wir studierten beide.

Ich gucke aus dem Fenster und fiebere mit den Blumen, die sich ans Tageslicht kämpfen. Krokusse sind übrigens schon Krokusse, wenn die Sonnenstrahlen sie noch kaum berühren. Und wer eine Frau als werdende Mutter bezeichnet, kann nur nicht verstehen, dass sie schwanger schon anders die Straße überquert, als sie es vorher tat: nämlich zu zweit — als Team. Messi nennt man ja auch nicht erst Fußballer, wenn er Tore schießt. Genauso wenig wird eine Frau erst zur Mutter, wenn sie ein freudiges Ergebnis ins Anzeigenblatt gepresst hat. Die Sorge um ein ungeborenes Baby ist zu eindringlich, um sie Monate nach hinten schieben zu können, und eine stete Erinnerung daran, dass es nunmehr etwas zu verlieren gibt, das zu einem Teil von uns geworden ist, den wir brauchen. Bis beim Ultraschall der Herzschlag des Babys auf dem Monitor pocht, schlägt jeder Moment auf unser eigenes, wartendes Herz ein, bis es wehtut. Darum sage ich auch, dass man nur eine Mutter zu einem Abbruch drängen kann und keine Frau, die noch wird.

Diese Erfahrung hat mich fast kaputt, am Ende radikal in meinen Ansichten über gesellschaftliche Imperative gemacht, die kaum ein Mensch reflektiert.

Hierzulande sind Babys, besonders unter Akademikern, ja seltener, als unsere Politiker es wünschen. Und dafür, dass es nicht genug sind, sorgen — na, wer hat es erraten? — dieselben, die es beklagen. Wir haben uns angewöhnt, an nichts mehr zu glauben, außer an Arbeit — unser moderner Gott. Der Heilsbringer, der uns ein Gütesiegel verpasst und uns auf ein besseres Leben hoffen lässt. Wir beten nicht, wir hetzen. Um Bedürfnisse zu stillen, die wir nicht hinterfragen. Und halten uns für frei von Religion. Bis wir hadern, weil wir im Grunde keine Zeit haben und auch zu erschöpft sind, das Geld, das wir verdienen, in eine Familie zu investieren. Wir werden so lange ausgebildet, dass es auch alle Anstrengung vergebens machen würde, würden wir so qualifiziert mit einem kleinen Kind zu Hause sitzen. Und wenn wir doch Kinder erziehen, plagt uns das schlechte Gewissen, einen Arbeitsplatz aufgegeben zu haben, der eine Chance versprach, die nie, nie wiederkehrt. Wie man es macht, macht es nicht zufrieden — den Ausnahmen gratuliere ich gern persönlich.

Ob und wann es Zeit für Nachwuchs ist, wurde zu einer der schwersten Entscheidungen in einer „normalen“ deutschen Biografie. Kinder werden bei uns mit Verlust verbunden — Verlust von Flexibilität, Lebensstandard, Aufstiegschancen — oder mit Hartz IV. Aber geht es auch anders? Ja. In Island zum Beispiel, wo ich eine Weile gearbeitet habe, bringen junge Erwachsene oft noch vor der Karriere ihre Wunschkinder auf die Welt, um dann mit der eigenen Erfahrung im Rücken, was es bedeutet, Eltern zu sein, einem Beruf nachzugehen, der mit ihrem Familienrhythmus vereinbar ist. Hier muss sich der Job die Fragen gefallen lassen, ob er zur Lebenswirklichkeit passt und zu wie viel Verlust er neben dem, was er einbringt, führen wird.

Was wir in Deutschland hoffen — dass das Leben, in dem wir uns oft mit zwei Einkommen eingerichtet haben, sich auch mit Kind fortführen lässt — wird in Island von der anderen Seite aus betrachtet: Dass die Arbeitsstelle zum Familienleben zu passen hat, ist die Bedingung, nach der sich die meisten Isländer ausrichten.

Und es funktioniert. Entspanntere Eltern-Kind-Beziehungen habe ich nirgendwo gesehen. So ausgeglichene Mütter und Väter. Weil sie von der Gesellschaft, in der sie leben, in ihren Prioritäten unterstützt werden. Weil die isländische Gesellschaft ihren Kindern einen Wert beimisst, der über den einer rein privaten Glückssache, für die jeder allein zuständig ist, hinausgeht.

Für mich ist das in erster Linie eine Frage der Gewichtung, die der Staat seinen Bürgern vorgibt. Verkörpert die Regierung die Haltung, dass wirtschaftliches Wachstum das oberste bürgerliche Gebot ist, während eine Familie dem Freizeitvergnügen dient, bleibt es den allermeisten zu riskant, sich auf Abwege zu begeben und ein von Armut bedrohter Ballast für die wahren Leistungsträger zu werden. — Ich komme immer wieder beim Thema soziale Anerkennung an.

So manche Paare in meinem Bekanntenkreis warten auf den einen, perfekten Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen, und bedauern heimlich, dass die Verhütung ihrer Wahl zuverlässig ist. Wir haben heute im Grunde so viel Entscheidungsfreiheit wie nie und wünschten dann und wann, wir hätten sie nicht oder dass sie uns jemand abnimmt. Manchmal denke ich, der Mensch bricht unter dem Gewicht der Freiheiten, die er heutzutage hat, bald zusammen; unter dem Gewicht der Verantwortung, sich stets richtig entscheiden zu müssen. Aber unter Freiheit zu leiden, ist eine absurde Vorstellung. Und Selbstbestimmung ist auch nicht das Problem. Wenn es einen Sinn des Lebens gibt, dann ist er, herauszufinden, wer wir sind, was wir lieben und wo wir stehen wollen, wenn uns keiner schubst. Es ist nur wichtig, echte Freiheiten auch zu ergreifen — und keinen Ideologien zu folgen, die nur als Freiheiten getarnt sind.

„Learn to … be what you are,
and learn to resign with a good grace
all that you are not.“

— Henri Frederic Amiel

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