Oh, why – welcome to my therapy!

All I know is that I should.

So. Schön, schön …

Du bist hier, ich bin hier …

… Und jetzt?

Nein! Ich bin vergeben. Tss, tss. Aber ich habe das Gefühl, dass dieser Blog eine Erklärung braucht. Warum existiert er?

Dinge, die keinem Zweck dienen, sind Zeitverschwendung. Finden wir. Denn wenn wir von irgendwas zu wenig haben, dann ist es Zeit. Wenn ein Blog nicht dazu da ist, uns zu optimieren, also fitter, schöner, kultivierter, reicher, begehrter zu werden – klick und weg. Darum habe ich lange nachgedacht, von welchem Wert der Blog einer psychischen Wackelkandidatin für andere sein kann. Ich will nichts testen, nichts bewerten, und schon gar nichts verkaufen. Ich gebe nicht mal Tipps für den schrägsten Suizid. Ich will nur was erzählen. Genügt das? Ehrlich, ich bezweifle es, aber es muss. Ich muss da durch. Das, was du gerade liest, ist meine Bewältigungsstrategie.

An anderer Stelle habe ich erzählt, dass es mir bisweilen schlecht mit mir geht. Und dass meine Therapeutin mich geschüttelt hat. Ich soll nicht nur Grenzen, sondern auch Chancen sehen – die Tür erkennen, die meine Psyche mir aufhält, während sie einen genervten Blick auf ihre Uhr wirft. Mir ist die Vorstellung, einfach eine Pille zu schlucken, um glücklicher zu sein, immer lieber gewesen – bis ich es getan habe. Und mir eingestehen musste, dass dadurch nichts, absolut nichts besser wurde. Im Gegenteil. Abgesehen von den Nebenwirkungen habe ich jeden kleinen Fortschritt, jeden Lichtblick auf das Konto der Tabletten gebucht. Selbstvertrauen hat mir das Überwinden einer Hürde in der Vergangenheit nur dann gebracht, wenn keine Tabletten daran beteiligt waren. Bedeutet, mit Tabletten war meine Achtung vor mir selbst noch geringer.

Also, hoch die Ärmel.

Chancen.

Ich wäre nicht depressiv, würden mir hundert Weisen einfallen, auf die ich meine Existenz nicht als eine scheiternde betrachten kann. Gemessen an dem Geld, das ich jeden Monat verdiene, bin ich gesellschaftlich gesehen eine Null – denn woran, wenn nicht an dem, was wir verdienen, werden wir gemessen? Ich bin schlicht und ergreifend nicht leistungsfähig genug, um in diesem Wettbewerb mithalten zu können. Und, bitte notieren: Das ist, allmählich, okay. Ich bin nett, und darauf bilde ich mir was ein. Ich kann halt nur nicht auf der AIDA nett sein. Oder in der Karibik. Oder in der Schweiz …

Wie du vielleicht gelesen hast, hab ich mich, um mich besser zu verstehen, mit Persönlichkeitstypologie vertraut gemacht. Denn oft stecken hinter unseren alltäglichen Problemen gar keine pathologischen Zustände, die geheilt werden müssen, sondern einfach eine berechtigte Haltung der Welt gegenüber, die wir vertreten. Wer bestimmt denn, was „krank“ ist? Der MBTI gab mir ein neues Deutungsinstrument an die Hand. Diagnose: Ich bin ich. Und den Murks auf zwei Beinen, für den ich mich halte, finde ich inzwischen ziemlich in Ordnung. Das ist die Ironie meines Lebens: Ich leide darunter, dass ich Ziele nicht erreichen kann, die ich im Grunde gar nicht erreichen will. Weil wir uns heute den Quatsch einreden, dass wir alles können müssen, nein, dass wir alles können, wenn wir es nur wirklich wollen. Bullshit. Und was du dir vor Augen halten solltest: Wenn du auf den Zug nicht aufspringen kannst, ist das nicht grundsätzlich deine Schuld. Der Zug könnte für dich anhalten oder zumindest seine Geschwindigkeit drosseln, weil du mit viel Gepäck am Bahnhof stehst. Passiert das nicht, willst du erstens nicht neben den Leuten sitzen, die entschieden haben, an dir vorbeizurauschen; zweitens sei dir sicher, dass du dann auch nicht dort aussteigen kannst, wo du aussteigen willst.

Es wird so viel geredet von Diversity, von Vielfalt, und wie wir sie feiern. Aber bewirb dich mit einer Angststörung oder einer Depression für einen Job, und du wirst sehen, wie schnell das Licht ausgeht. Und nein, ich hab davon keinem erzählt. Ich bin introvertiert, nicht naiv. Aber wenn du psychisch fragil bist, strahlst du das aus. Unsicherheit, Zurückhaltung, Nervosität – das riecht ein Personaler, und damit meine ich nicht deinen Angstschweiß. Arbeitgeber suchen Angestellte, die selbstsicher auftreten, auch wenn sie komplett ahnungslos sind. Und wer kann’s ihnen verdenken? Ich verstehe, dass die Fähigkeit, bei einem Vorstellungsgespräch das Atmen zu beherrschen, eine ansprechende Qualität ist. Sei dann noch Geisteswissenschaftlerin und Mutter eines kleinen Kindes — und der Salat ist angerichtet. Ich habe heute leider keinen Arbeitsplatz für dich.

Aber das Leben ist zu kurz, um sich verbittert zurückzuziehen und Leuten, die weder nach links noch nach rechts schauen, zu glauben, dass du nichts kannst und nichts wert bist, weil deine Kraft nicht für eine Führungsrolle reicht. Ich habe mich selbstständig gemacht, erwirtschafte gerade so viel, dass ich keine Sozialhilfe empfangen muss, und bemesse meinen Wert daran, wie sich meine Mitmenschen in meiner Gegenwart fühlen. Vor allem meine Tochter. Die führe ich gerne.

An guten Tagen.

An schlechten Tagen will ich nur heulen. Das ist aber anstrengend, erschreckt mein Kind, und wer hat schon Lust, dauernd fließende Wimperntusche aufzuhalten. Dieser Blog ist ein Weg, meine destruktiven Gedanken unter Kontrolle zu kriegen und in etwas umzusetzen, das hilfreicher ist. Weil ich meine fiesesten Gefühle nur in Schach halten kann, wenn ich sie zwinge, sich Worte anzuziehen. Wenn sie in Jogginghosen zuhause auf der Couch rumhängen, werden sie nicht ansehnlicher und dazu Abend für Abend schwerer. wenn ich sie ins Bett tragen muss. Dieser Blog ist also meine ganz private Heim-Therapie. Hier spreche ich mit mir selbst über Dinge, die mich bewegen. Denn, Newsflash: Introvertierte haben in der Regel viel zu sagen. Extravertierte sind nur lauter.

Und was hat das mit dir zu tun?

Danke, dass du hier unten immer noch liest. Wenn ich statt eines Blogs ein Tagebuch schriebe, würde mir nach zwei Tagen jeder Antrieb fehlen. Glaub mir, ich hab das oft versucht. Wenn du, du ganz allein diesen Blog abcheckst, werde ich das durchziehen. Das ist das Gute daran, INFJ zu sein. Aber du sollst hier nichts und du musst hier nichts – auch nicht noch besser werden. Ich schenk dir nur was, und zwar einen Teil meiner Vergangenheit, einen Teil meines Jetzt und einen Blick in mein Herz und in meinen Kopf. Noch ist es unordentlich da drin, aber ich habe ja schon angefangen, aufzuräumen. Es ist so chaotisch, weil ich nicht die bin, die im Plenum die Hand hebt, aber sehr wohl ein Mensch, der sich Gedanken macht. Und die türmen sich dann. Wenn du dir auch welche machst, schick sie mir, bevor du drüber stolperst.

 

4 Gedanken zu “Oh, why – welcome to my therapy!

  1. Ich finde, so ein Blog bietet unfassbaren Mehrwert! *Brofist*
    Es tut so gut, sich als Betroffene mit anderen Menschen austauschen zu können und zu sehen: Hey, ich bin nicht allein!
    Und noch besser: Hey, andere kommen da durch, dann kann ich das auch schaffen!
    Dein Blog und deine Worte sind so viel besser als der Selbstoptimierungs- und Diätstuss.
    Und alle Nichtbetroffenen merken vielleicht irgendwann, dass psychische Erkrankungen zu Unrecht ein Tabuthema sind.
    Ja. Also: Ich lese dich gerne 🙂

    1. Tatjana! Dank dir geh ich jetzt heiterer durch den Tag – und optimistischer 😉 Danke für deine Worte, die mir Mut machen. Ich fühl mich jetzt schon weniger allein.

    1. Danke, Sabrina! Und schön, dass du hier bist 😉 Ja, darum geht es letztlich nicht. Es geht nur darum, aus dem Gefühl auszubrechen, dass ich alleine bin mit den Erfahrungen, die ich mache. Von daher tut es mir einfach gut, wenn andere die Hand heben und sagen: Hier, mir gehts ganz ähnlich – es ist nur schwierig, es zuzugeben.

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