Ex-Kurs

You’re using all your senses just for being sad.

David sah zu mir herüber, und in seinem Blick lag die Frage, auf was ich noch wartete. Ich zog meine Schultern hoch und schaute auf den Boden. Weit gestreut lagen mir die Gedanken an Björn im Weg. Sie lagen vor meinen Füßen und ich starrte auf sie hinunter, doch meine Beine bewegten sich nicht. Sie zuckten nicht mal. Als fehlte mir die Kraft, aber auch der Wille, über ihn hinüberzusteigen.

Er und ich, wir hatten nur kurz unsere Zeit geteilt, als wir beide etwas suchten und nicht wussten, was das war. Wie blinde Kühe hielten wir uns am Ärmel und ließen uns schließlich gehen, weil wir scheiterten zu erkennen, wer da vor uns stand und wen wir brauchten und wie sehr. So läuft das Spiel. Du bist. Nein, du. Du zuerst! Aber nun fehlte seine Hand auf meinem Knie; dort, wo sie hingehörte, seit Krabat. Mein Knie hat das schneller kapiert als der Rest von mir.

Ich hatte Björn kennengelernt, als es mir nicht gut ging. Ja, damals hieß das: an einem ganz gewöhnlichen Tag. Damals, als die guten Tage die waren, an denen ich gar nichts fühlte. Wer jemals Depressionen hatte, weiß, dass sie ein Gast sind, der ungebeten kommt und deine Hinterstube verwüstet. Immer und immer wieder, weil das Schloss an deiner Haustür kaputt ist. Und nachdem du gerade erst mühevoll aufgeräumt hast, beginnt alles von vorn. Dieser Gast lässt aber nicht nur Unordnung zurück. Dein Schrank hängt jetzt voll mit Klamotten aus Trostlosigkeit. Sie sind dir zu eng, aber was bleibt dir übrig? Von draußen schauen Bekannte durchs Fenster herein, schütteln mit dem Kopf und stöhnen: »Bei dir sieht’s ja wieder aus. Ich komm lieber vorbei, wenn du das Chaos beseitigt hast. Und zieh dir mal was Ordentliches an!« Mit einer entschuldigenden Geste lässt du den Rollladen herunter, damit dich niemand so sieht. Obwohl du hier gar nicht mehr lebst. Zuhause, das ist nirgendwo.

Depressionen stellen jeden Aspekt deines Lebens infrage. Das ist nicht weniger als alles, was du bist; ob du überhaupt bist oder einfach nur einen Körper bewegst, der von dir verlangt, Luft zu holen, obwohl dir der Antrieb dazu fehlt. Besonders, wenn du dich gerade noch wehrst, dort oben, in der Stube. Gegen den Gast, der dir an der Gurgel hängt. Wenn dich dann, in dem Moment jemand aufschreckt, vergisst du plötzlich alles, was du tun musst. Zum Beispiel, zu atmen.

Als Björn mich bei der Zuckerwatte ansprach und ich ihm erzählte, dass ich schüchtern sei — weil Schüchternheit einfacher zu erklären war als meine wirkliche Verfassung, die einer normalen Unterhaltung im Weg stand —, dachte er, das sei bloße Koketterie. Immerhin trug ich einen Mantel so rot wie das Milieu und ein Lebkuchenherz um den Hals. Es war ja Kerwe. Aber ohne noch eine einzige Frage zu stellen, griff Björn nach meiner Hand, grinste dann, als wäre er für alles gewappnet, und versprach, auf mich aufzupassen.

So fanden meine Füße auf den Boden zurück: an der Hand eines knapp zwei Meter großen Fremden mit einem Zylinder auf dem Kopf und seiner Taucherbrille anstelle einer Fliege. Und ich atmete. Ein, und aus. Entspannte mich. Dass er an meiner Seite stehen blieb, obwohl er mich eigentlich nur aufreißen wollte, war unerwartet und versetzte mir einen sachten Stoß in die Bauchgegend, wo er einen warmen Abdruck hinterließ. Darum traf ich Björn auch wieder, und zwar auf dem Friedhof. Nein, nicht, um ihn zu bestatten. Aber wenn es dunkel ist, mag ich die Aussicht von dort oben auf unser Dorf, das dann da unten liegt wie unter einer Käseglocke aus warmem Licht. Und in der Dunkelheit fühle ich mich fast normal, weil sie, anders als der Tag, für alle dunkel ist. Sie hüllt mich in ein Gewand, das mich meiner Umwelt ähnlicher macht.

Etwas nervös, was er von einem Mädchen zu erwarten hatte, das ihn des Nachts auf einen Friedhof bat, setzte er sich zu mir auf die Bank und wunderte sich. Worüber alles, weiß ich nicht. Aber das Wundern gefiel ihm. Ich glaube, er war gelangweilt von Mädchen, die zwar hübscher waren als ich, aber alle seine Erwartungen erfüllten. Dass mich Dunkelheit zum Leben erweckte, befeuerte seine Neugier und besänftigte den Teil in ihm, den er vor anderen verbarg. Das geschieht mir oft; dass jemandem die Nähe zu mir guttut, weil ich noch kaputter bin.

Nach einer Weile wurde uns kalt. Wir fuhren durch das immer stiller gewordene Dorf zu einem Spielplatz, der am Waldrand lag, saßen auf Schaukeln und gingen dann ein Stück. Ich mochte, wie warm er war, neben mir; wärmer als der Oktober. Und als er mich endlich ansah wie jemand, der mir vertraut ist, und wir Pause machten vom Reden, gab es für einen Moment nur uns und die Sterne, die uns still, wie wir standen, umstellten.

friedhof

Es dauerte nicht lange, bis er hinter sich die Tür ins Schloss zog, die ich ihm weit aufgehalten hatte. Aus Angst, ihn zu verlieren, hielt ich ihn von mir fern. Aus Angst, ihm nie geben zu können, was er brauchte, gab ich ihm nichts, bis er ging. Ich kannte die Zerstörungskraft in mir zu gut. Warum also warten? Es kann sein, dass ich ihn hätte festhalten sollen; den Kampf in mir aufnehmen, statt stumm zuzusehen, wie ein ungebetener Gast bei mir einzog und die Türe von innen verschloss. So bleibt es ein Denkspiel, was gewesen wäre; wer wir gewesen wären, wenn ich ihn damals geküsst hätte wie ein Mädchen, das ihn so liebte, wie ich es tat, seit er fort war.

 

 

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